Der Muskel, der nicht nur deine Hüfte bewegt: Was dein Psoas mit Stress, Atmung und innerer Anspannung zu tun hat
Vielleicht kennst du Schmerzen in Hüfte, Leiste oder unterem Rücken, für die sich einfach keine eindeutige Erklärung finden lässt. Vielleicht dehnst du, trainierst, gehst zur Physiotherapie – und trotzdem kommt die Spannung immer wieder.
Genau so ging es mir.
Und irgendwann führte mich meine eigene Geschichte zu einem Muskel, dem ich vorher viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatte: dem Psoas.
In der ganzheitlichen Körperarbeit wird er manchmal sogar als „Muskel der Seele“ oder „Seelenmuskel“ bezeichnet. Medizinisch ist das natürlich keine anatomische Bezeichnung. Und trotzdem finde ich dieses Bild spannend. Denn der Psoas liegt tief in unserer Körpermitte und steht anatomisch in enger Beziehung zu Wirbelsäule, Becken, Zwerchfell und wichtigen Nervenstrukturen.
Für mich wurde irgendwann klar: Ich musste meinen Körper nicht noch mehr bearbeiten. Ich musste anfangen, ihm zuzuhören.

Was ist der Psoas eigentlich?
Der Musculus psoas major verläuft tief im Körper entlang der Lendenwirbelsäule und verbindet diesen Bereich über den Iliopsoas mit dem Oberschenkel. Er ist unter anderem an der Hüftbeugung beteiligt und spielt eine Rolle bei Bewegung und Stabilisation im Bereich von Hüfte und Rumpf.
Durch seine Lage befindet er sich mitten in einer Region, in der sehr viele Strukturen zusammenkommen. Auch Nerven des Lumbalplexus verlaufen in unmittelbarer Beziehung zum Psoas. Beschwerden in diesem Bereich können deshalb sehr unterschiedlich wahrgenommen werden – beispielsweise im unteren Rücken, in der Hüfte, im Becken oder in der Leiste und teilweise auch ausstrahlend in den Oberschenkel.
Und genau das kann die Suche nach der Ursache so schwierig machen.
Meine eigene Geschichte: Wenn der Körper immer wieder sagt „Stopp“
Über viele Monate hatte ich selbst Beschwerden auf der rechten Seite – im Bereich von Hüfte, ISG und Leiste. Teilweise kamen nervenähnliche Beschwerden hinzu, die bis ins Bein ausstrahlten.
Es gab durchaus medizinische Befunde und unterschiedliche Erklärungsansätze. Unter anderem standen eine Reizung beziehungsweise Entzündung im Bereich des Iliopsoas, mein ISG und andere Strukturen rund um Hüfte und Becken im Raum.
Aber das Schwierige war: Es gab für mich nicht diese eine Diagnose, die meine Beschwerden vollständig erklärte – und vor allem verschwanden sie nicht einfach dadurch, dass einzelne Strukturen behandelt wurden.
Ich habe vieles ausprobiert und dabei lange gedacht, ich müsste meinen Körper kräftigen, stabilisieren, mobilisieren oder dehnen.
Doch irgendwann bemerkte ich etwas Interessantes:
Mehr war für meinen Körper nicht unbedingt besser.
Intensive Core-Arbeit oder bestimmte Belastungen konnten meine Beschwerden sogar wieder verstärken. Was mir dagegen zunehmend half, waren Ruhe, sanfte Bewegung, bewusste Atmung und vor allem die Regulation meines Nervensystems.
Das hat meine Sichtweise verändert.
Ich begann, meinen Körper weniger als eine Ansammlung einzelner Muskeln zu betrachten und mehr als ein zusammenhängendes System.
Warum der Psoas häufig mit Stress in Verbindung gebracht wird
Vielleicht hast du schon einmal gelesen:
„Stress sitzt im Psoas.“
So einfach lässt sich das wissenschaftlich nicht sagen.
Der Psoas speichert nicht nachweislich unsere Emotionen oder traumatische Erfahrungen wie auf einer Festplatte. Auch die verbreitete Bezeichnung „Seelenmuskel“ sollte deshalb eher als ganzheitliches Bild verstanden werden.
Was wir aber wissen: Muskelspannung, Haltung, Atmung, Bewegung und Nervensystem beeinflussen sich gegenseitig.
Wenn wir unter Stress stehen, verändert sich häufig auch unser Körper: Wir atmen flacher, spannen unbewusst Muskulatur an, bewegen uns anders und verbringen vielleicht mehr Zeit in einer gebeugten oder sitzenden Haltung.
Der Psoas wiederum ist unmittelbar an Bewegung und Stabilisation in einer Region beteiligt, die bei all diesen Veränderungen eine wichtige Rolle spielt.
Für mich bedeutet ganzheitliche Gesundheit deshalb nicht, zu behaupten, dass „alles psychisch“ sei.
Es bedeutet vielmehr, Körper und Nervensystem nicht getrennt voneinander zu betrachten.
Psoas und Zwerchfell – eine faszinierende Verbindung
Einer der Zusammenhänge, die ich besonders spannend finde, ist die Verbindung zwischen Psoas und Zwerchfell.
Das Zwerchfell ist unser wichtigster Atemmuskel. Bei der Einatmung senkt es sich ab, bei der Ausatmung bewegt es sich wieder nach oben.
Psoas und Zwerchfell sind zwar zwei eigenständige Muskeln, anatomisch liegen ihre Strukturen jedoch eng beieinander und sind über fasziale beziehungsweise bindegewebige Strukturen miteinander verbunden. Das mediale Bogenband des Zwerchfells verläuft beispielsweise über dem Psoas; auch zwischen den Faszien beider Bereiche werden anatomische Kontinuitäten beschrieben.
Das Zwerchfell ist außerdem nicht nur für unsere Atmung zuständig. Es trägt gemeinsam mit der Bauchmuskulatur und dem Beckenboden zur Druckregulation und Stabilität unseres Rumpfes bei.
Das bedeutet nicht, dass wir einen verspannten Psoas einfach „wegatmen“ können.
Aber es erklärt, warum ich die Atmung heute bei Beschwerden in dieser Körperregion niemals völlig außer Acht lassen würde.
Warum bewusstes Atmen mir geholfen hat
Ich begann, viel bewusster mit meiner Atmung zu arbeiten.
Nicht als weitere Aufgabe auf meiner To-do-Liste. Nicht mit dem Gedanken: Ich muss jetzt richtig atmen, damit mein Psoas endlich locker wird.
Sondern als Möglichkeit, meinem ganzen System Ruhe zu geben.
Ich ließ meinen Atem wieder tiefer und freier werden. Ich nahm mir kleine Pausen. Ich reduzierte zeitweise intensive körperliche Belastungen und integrierte sanfteres Yoga, Meditation und Atemübungen in meinen Alltag.
Tiefe Zwerchfellatmung beeinflusst nicht nur die Bewegung des Zwerchfells, sondern verändert auch die Druckverhältnisse im Bauch- und Beckenraum und steht in funktioneller Beziehung zu Bauchmuskulatur und Beckenboden.
Für mich persönlich war aber noch etwas anderes entscheidend:
Ich hörte auf, permanent gegen meinen Körper zu arbeiten.

Vielleicht braucht dein Körper nicht noch mehr Dehnung
Gerade wenn wir uns viel mit Yoga, Fitness oder Gesundheit beschäftigen, reagieren wir auf Beschwerden häufig sofort mit Aktion:
Welche Übung hilft? Was muss ich dehnen? Was muss ich kräftigen?
Ich kenne diesen Gedanken sehr gut.
Doch manchmal kann es sinnvoll sein, zunächst wahrzunehmen:
Was braucht mein Körper gerade wirklich?
Vielleicht ist es Bewegung.
Vielleicht Stabilität.
Vielleicht eine medizinische oder physiotherapeutische Behandlung.
Aber vielleicht braucht dein System gerade auch weniger Belastung, mehr Regeneration, einen ruhigeren Atem und das Gefühl, nicht ständig funktionieren zu müssen.
Bei mir war genau diese Erkenntnis ein wichtiger Teil meines Weges.
Eine kleine Übung für deinen Alltag
Lege dich bequem auf den Rücken und stelle deine Füße auf. Lass deine Knie, wenn es angenehm ist, sanft zueinander sinken oder unterstütze sie mit einem Kissen.
Lege eine Hand auf deinen Bauch und eine Hand auf deinen unteren Brustkorb.
Versuche zunächst gar nichts zu verändern.
Spüre nur deinen Atem.
Wo bewegt sich dein Körper bei der Einatmung? Wo hältst du vielleicht unbewusst fest?
Lass anschließend deine Einatmung sanft in Bauch und seitlichen unteren Brustkorb fließen. Atme ruhig wieder aus, ohne den Bauch aktiv einzuziehen.
Du musst nichts erzwingen und nichts „lösen“.
Bleib für einige Minuten einfach dort.
Manchmal beginnt Entspannung nicht damit, etwas zu tun – sondern damit, weniger festzuhalten.
Mein heutiger Blick auf den Psoas
Meine eigene Erfahrung hat mir noch einmal sehr deutlich gezeigt, warum ich Gesundheit ganzheitlich betrachte.
Wir bestehen nicht aus einzelnen Körperteilen, die unabhängig voneinander funktionieren.
Muskulatur, Faszien, Atmung, Nervensystem, Bewegung, Regeneration und unsere alltägliche Belastung stehen miteinander in Beziehung.
Das bedeutet nicht, dass jede Hüft- oder Rückenbeschwerde vom Psoas kommt. Schmerzen in Leiste, Hüfte oder Rücken können sehr unterschiedliche Ursachen haben und sollten – insbesondere wenn sie stark, neu oder anhaltend sind – medizinisch abgeklärt werden.
Aber manchmal lohnt es sich, den Blick zu erweitern.
Nicht nur zu fragen:
„Welcher Muskel macht Probleme?“
Sondern auch:
„Was braucht mein gesamtes System gerade, um wieder in Balance zu kommen?“
Für mich lag ein Teil der Antwort überraschenderweise nicht in noch mehr Training.
Sondern in Ruhe. Atmung. Regulation. Sanfter Bewegung. Und darin, meinem Körper wieder mehr zuzuhören.
Vielleicht ist genau das die schönste Bedeutung hinter dem Begriff „Seelenmuskel“: nicht, dass der Psoas tatsächlich unsere Seele speichert – sondern dass er uns daran erinnern kann, unseren Körper wieder als Ganzes wahrzunehmen.
Jana Lohmann
Ganzheitliche Gesundheitsberaterin & Yoga-Lehrerin




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